Weblog von Christian Kapke aus Jena


 
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Mit dem Mountainbike über den Rennsteig

180 Kilometer und 3200 Höhenmeter in zwei Tagen. Bericht einer Rennsteig-Radtour per Mountainbike.


Auf dem Rennsteigweg von Blankenstein bis Hörschel

Ausgestattet mit „Fullsuspension“ Mountainbikes, wollten wir zu sechst den 170 Km langen Originalweg des Rennsteigs in 1,5 Tagen überwinden. Der Wetterbericht prognostizierte Regen und fallende Temperaturen. Für mich war das die erste Rennsteigüberquerung per Rad.

Erster Tag: Von Blankenstein bis Oberhof

Nachdem der obligatorische Uferstein eingepackt wurde, galt es den ersten knackigen Anstieg vom Selbitzufer bis zum Ortsausgang Blankenstein zu meistern. Ein ordentlicher Kaltstart für den noch im Halbschlafmodus laufenden Kreislauf um 7 Uhr in der Früh. Immerhin erfüllte sich die Regenprognose vorerst nicht und die gerade aufsteigende Sonne leuchtete uns den Weg gen Nordwesten.

Die ersten 25 Km des Rennsteigs von Blankenstein aus in Richtung Hörschel wurden schnell und ohne herausragend steile Anstiege gemeistert. Insgesamt sechsmal passierten wir auf diesem Abschnitt die ehemalige innerdeutsche Zonengrenze.

Ab Steinbach nahmen die Höhenmeter zügig zu, wodurch die durchschnittliche Kammhöhe von 800 Metern bis Neuhaus erreicht wurde. Hernach ging es unspektakulär und langatmig auf asphaltierten Wegen in Richtung Friedrichshöhe und von dort auf teils harschen Wurzelpfaden und kompakten Abfahrten in Richtung Masserberg. Spätestens auf dieser Passage stellte sich niemand mehr die Frage, ob man den Trip auch mit einem ungefederten Rad fahren wollte.

Nach einem kräftigenden Mittagessen und 70 Km in den Beinen, stand die zweite und in puncto Höhenmetern knackigere Etappe des ersten Tages bevor. Direkt hinter Masserberg galt es eine ausgesprochen anspruchsvolle Abfahrt zu bewältigen, die jedem Fahrer ein dickes Grinsen ins Gesicht zauberte. Es ging sprichwörtlich über Stock und Stein! Nachdem der Mittelpunkt des Rennsteigs am „Großen Dreiherrenstein“ überquert wurde, begann Höhe Schmiedefeld der Aufstieg über die Schmücke zum Großen Beerberg, dem mit 980 Metern höchsten Punkt der Tour.
Gerade einmal 10 Kilometer trennten uns noch vom Tagesziel, als sich die Wettervorhersage doch noch erfüllte und ein kräftiger Regenschauer die folgende Abfahrt zur Schlammpartie mutieren ließ. In der Abenddämmerung erreichten wir schlußendlich wohlbehalten unser Hotel in Oberhof.

Tagesbilanz: 110 Streckenkilometer, 2200 Höhenmeter

Zweiter Tag: Abbrechen oder Schlammschlacht?

Nach einer durchregneten Nacht war die Stimmung am Frühstückstisch wetterähnlich eingetrübt. Einem Mitfahrer schmerzten die Knie, ein anderer fühlte sich konditionell angeschlagen. Ein weiteres Problem war die Ungewissheit, ob die letzte Zugverbindung von Hörschel nach Blankenstein, wo die Autos der Fahrer standen, unter den schlechten Wetterbedingungen rechtzeitig am späten Nachmittag erreicht werden würde. Wir beschlossen die Tour unter den gebotenen Umständen abzubrechen. Da ich nicht zurück nach Blankenstein mußte und von Hörschel eine bessere Zuganbindung bestand, setzte ich die Tour kurzerhand gegen 9 Uhr alleine fort.

Wetterchaos am Inselsberg

Vorerst beruhigte sich das Wetter und der Regen gönnte sich eine Pause und sicherte mir ein flottes Forwärtskommen auf den ersten 10 Kilometern. Dann kehrten die Schauer langsam zurück und verwandelten den wassergesättigten Wanderweg in eine Schlammpiste. Der Anstieg zum Großen Inselsberg (916 m ü. HN), den ich nach 30 Kilometern erreichte, übertraf alle Erwartungen. Gerade die letzten 300 Meter waren derart steil, daß bei jedem Tritt das Vorderrad hochbockte und das Rad nur noch schiebend fortzubewegen war. Auf dem Gipfel angekommen peitschte mir der böige Wind den kalten Regen scharf ins Gesicht und dicke Nebelschwaden raubten die Sicht. Die Temperatur auf dem Inselsberg bewegte sich gefühlt nah dem Nullpunkt. Real zeigte das Thermometer 6°. (In den Alpen fiel zur gleichen Zeit (Mitte September) in ähnlicher Höhenlage Schnee.)
Ein anderer Mountainbiker, der aus einem nah gelegenen Ort kam und gerade pausierte, erwiderte auf meine Frage, ob es noch weit bis Hörschel sei: „Heute ist alles zu weit!“ Auf meine Nachfrage, wie lange man gewöhnlich bis ins 30 Km entfernte Eisenach bräuchte, antwortete er mit einem ähnlich unpräzisen Schulterzucken. Es nützte nichts, ich mußte schleunigst von diesem unwirtlichen Berg runter, bevor ich mir Gedanken über den weiteren Tourverlauf machen konnte.

Nach Abfahrt vom Inselsberg dem Abbruch nah

Die Abfahrt vom Inselsberg gestaltete sich als wahre Rutschpartie. Zum Glück blieb ich im Sattel, obwohl mir vor Kälte bereits die Finger steif wurden. Ein anderer Mountainbiker hatte weniger Glück, überschlug sich und mußte von seinen Mitfahrern versorgt werden. Spätestens in diesem Moment war auch mein Tiefpunkt erreicht und Gedanken an einen Tourabbruch allgegenwärtig. Kurz darauf passierte ich zum Glück eine Schutzhütte, in der ich meine Kleidung sortierte und wärmende Arm- und Beinlinge anzog. Nach einigen Minuten Ruhe und einem Energieriegel, kehrte die Motivation zurück und das Ziel hieß erneut: Hörschel.

Doch vorher galt es zahlreiche schwierige Wurzelpassagen zu bewältigten, die bei Regen eine große Rutschgefahr darstellten. Höhe Eisenach erreichte ich am frühen Nachmittag die „Hohe Sonne“, die sich auf knapp 500 Metern befindet. Der Wegweiser verkündete noch 15 verbleibende Kilometer bis zum Ziel. Plötzlich gab es kein Halten mehr und alles schien nur noch einen sprichwörtlichen Steinwurf weit entfernt!

Endspurt bis Hörschel nah der hessischen Landesgrenze

Vielleicht lag es an meinen schwindenden Kräften am Ende der Tour, aber die letzten 15 Kilometer zogen sich unerwartet zäh in die Länge und glichen einer monotonen Berg- und Talfahrt. Kaum war eine Hügelkuppe bezwungen, folgte nach kurzer Abfahrt der Gegenanstieg. Immerhin bot sich ein wunderschöner Ausblick auf die Wartburg, welcher kurzzeitig für viele vorherige Strapazen entschädigte. Die letzten zwei Kilometer nach Hörschel ging es versöhnlich talabwärts. Am Ziel angekommen, versenkte ich gegen 15 Uhr meinen Stein, den ich tags zuvor am Selbitzufer aufnahm, auch stellvertretend für meine Teamkollegen, glücklich und stolz in der Werra.

Tagesbilanz: 70 Streckenkilometer, 1000 Höhenmeter
Gesamtbilanz: 180 Streckenkilometer, 3200 Höhenmeter, 11 h Nettofahrzeit


Biketransport bis BlankensteinStart der Rennsteigtour am frühen MorgenTraumwetter auf den ersten Kilometern„Meter machen“ auf dem Weg zum KammKleine VerschnaufpauseUnterwegs auf unwirtlichen WaldpfadenFrühstückspauseÜber Stock und Stein...Manchmal half nur noch schiebenRappen vs DrahteselMit Spaß beim BikenTypische Wegkreuzung auf dem RennsteigAbenddämmerung über dem Thüringer WaldSteiler Aufstieg zum InselsbergInselsberg bei stürmischem WetterBlick auf die WartburgAm Ziel in Hörschel!Routenübersicht ((c) OSM)


Nachbetrachtung

Warum sollte man in Blankenstein starten, obwohl der Rennsteig in Hörschel beginnt?
Weil Höhenprofil und Wegbeschaffenheit in dieser Richtung vorteilhafter sind. Von Blankenstein aus spart man sich 300 Höhenmeter und es gibt weniger unwirtliche Schiebepassagen bergauf.

Wanderweg oder Radweg?
Der Radweg ist länger, glatter, leichter befahrbar und flacher. Der Wanderweg ist kürzer, kerniger, steiler, technisch anspruchsvoller und bei gutem Wetter mit Wanderern überbevölkert.

Mountainbike oder Tourenrad?
Der Rennsteigradweg ist mit einem Tourenrad bei guter Kondition befahrbar. Den Wanderweg würde ich hingegen nur mit einem vollgefederten Mountainbike besserer Qualität fahren.

Ein, zwei oder drei Tage?
Super trainierte Biker bewältigen den Rennsteig an einem Tag. An zwei Tagen ist der Rennsteig für gut trainierte Mountainbiker zu bewältigen. Wenig trainierte Radler sollten min. 3 Tage einplanen und das Höhenprofil bei der Etappenplanung berücksichtigen.

Meine Packliste
- Knielange Radhose, Kurzarmtrikot, Klickschuhe
- Lange Regenhose, Regenjacke und Thermohemd
- Armlinge, Beinlinge und Schuhüberzieher
- Headtuch, Zipkragen
- Helm, Brille und wasserfester Helmüberzug
- Kurze und lange Bikehandschuhe
- Bikerucksack (30 Liter)
- 3 Liter Trinkblase
- Dämpferpumpe, Luftpumpe, Ersatzschlauch, Werkzeug
- Müsli-, Power- und Isoriegel, Magnesium, Traubenzucker
- Wechselsachen und Schuhe, Hygieneartikel
- GPS-Handy mit eingespeichertem Track

Interaktive Streckenkarte